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Ökologiebetrachtungen

1.3. Ökologiebetrachtungen

Bis vor wenigen Jahren haben sich die meisten Anwender keine Gedanken über die Behandlung der Dinge [Beitrag in versch. Fachzeitschriften; "Umweltfreundliche PVC-Fenster?", Juli 1993] gemacht, wenn diese einmal nicht mehr ihren Zweck erfüllten. Die Wegwerfgesellschaft der Industrieländer lebte das "Ex und Hopp"; was man nicht mehr brauchte oder gebrauchen konnte, wurde weggeworfen.

Der vollzogene Wertewandel hat zu Untersuchungen der angewendeten Materialien, Verbünde und Elemente auch unter ökologischen Gesichtspunkten - in sogenannten Ökologiebilanzen - geführt. So ist auch das technische Wissen um PVC-Fenster in den letzten Jahren bei Planern, Verarbeitern, Ausbildenden und in den Ausbildungsstätten gewachsen. Durch die teilweise stark emotional geführte Diskussion über PVC - bspw. Forderung nach Ausstieg aus der Chlorchemie durch Greenpeace - hatten sich einige öffentliche Ausschreiber zeitweise vom PVC abgewendet. Nun kann man verstehen, wenn sogenannte Mandatsträger dem vermeintlichen Wählerwillen nachgeben und die "laut vorgetragenen Argumente einiger Popularisten" von einem Teil der Presse - good news are bad news - aufgegriffen werden. Natürlich ist es mühsam, sich mit einem Thema ernsthaft und unter Berücksichtigung aller bekannten Umstände auseinanderzusetzen. Bekannterweise ist Angst ein schwer beherrschbarer Streßzustand, für den man menschliches Verständnis haben muß. Dies kann aber nicht dazu führen, daß man den oberflächlichen Argumenten derjenigen folgt, die sich nicht der Mühe einer umfassenden ernsthaften Betrachtung unterziehen wollen.

Die von der Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt durchgeführten Untersuchungen [vgl. 1.3.1.] und veröffentlichten Ökologiebilanzen sagen (bei Beachtung der unterschiedlichen Rahmenwerkstoffe) in bezug auf das PVC-Fenster, daß es eine bessere Ökologiebilanz aufweist als die anderen bekannten Rahmenwerkstoffe, wenn eine Recyclingrate von 70 % erreicht wird - "das PVC-Fenster würde dann sogar gegenüber den Vollholzfenstern günstigere Werte aufweisen". Darauf hat der größte Teil der Hersteller positiv reagiert, ist Rücknahmeverpflichtungen (mit entsprechenden Rückstellungen) eingegangen, es wurden Recycling-Verfahren für die stoffliche Wiederverwendung (Koextrusion u.dgl.) erarbeitet, Anlagen errichtet usw. Die mittlerweile eingeleiteten Bemühungen bestätigen die wirtschaftliche Machbarkeit; erfordern jedoch noch erhebliche Anstrengungen und erhebliches Umdenken in vielen Bereichen der Verarbeitung und Anwendung. Die stoffliche Wiederverwendung von PVC muß verstärkt werden, bei Aluminium ist dies eine Selbstverständlichkeit. Kein ernsthafter Mensch wird - wie vor einigen Jahren diskutiert - Aluminium thermisch nutzen wollen, auch wenn die Energieausbeute eine Betrachtung lohnend erscheinen ließe.

Dem Verfasser liegt es fern, eine ihm vermeintlich bekannte Wahrheit als solche - oder gar als absolute Wahrheit - verkaufen zu wollen. Andererseits beschäftigt er sich auch im Zusammenhang mit gutachterlicher und beratender Tätigkeit immer wieder mit der Bewertung, welches Fenster - und damit auch, welches Rahmenmaterial - für das infragestehende Objekt die gestellten Anforderungen optimal erfüllen kann. Insbesondere unter Wirtschaftlichkeitsgesichtspunkten ist das Kunststofffenster oft die sich anbietende Lösung, auch wenn prinzipille Bedenken gegen PVC bestehen. Vielleicht muß man den Gegnern des PVC-Fensters klar machen, daß sie eine Verpflichtung zum gewissenhaften Umgang mit den ggf. einmal zu entsorgenden Rahmenmaterialien haben. Aber auch in diesem Punkt trifft man eher auf Unwissenheit und oberflächliches Handeln. Welcher Fensterhersteller hat jemals in einer öffentlichen Ausschreibung bspw. einer Stadt mit "umweltfreundlichem Stadtrat" einen Hinweis dafür gefunden, daß die Materialien der auszuwechselnden Fenster in einer bestimmten Weise entsorgt werden müssen? Bei gewissenhafter Betrachtung dürften bspw. alte Holzfenster mit den daran haftenden Stoffen nur in Verbrennungsanlagen mit kontrollierter Temperaturführung und entsprechenden nachgeschalteten Anlagen entsorgt werden. In solchen Anlagen könnte bspw. auch PVC (mit sehr hohem Energieanteil, bedingt gewünscht) thermisch verwertet und das "dabei gewonnene Salz" (das von Greenpeace verteufelte Produkt der Chlorchemie) für die Wiederverwendung zurückgewonnen werden. Die lautesten Wortführer sind zumeist nicht die mit der größten Sachkompetenz.

Bei der Frage nach der für die infragestehende Anwendung zu wählende Fensterlösung sollte eine Versachlichung eintreten. Die Hersteller von PVC-Fenstern - wie bei allen Fenstern bzw. Rahmenmaterialien - sollten auch bei der Materialwahl für das Zubehör die Recyclingmöglichkeiten beachten. So sind Verstärkungen, Beschlagteile, Zubehör usw. aus Stahl leichter mit Magnetabscheidern auszusortieren als bspw. Aluminium. Ebenso erscheint es unsinnig, wenn immer noch Dichtungen aus APTK/ EPDM (Elastomeren) gefordert werden, obwohl technisch hochwertige TPE (thermoplastische Elastomere) von verschiedenen Rohstoffherstellern auf unterschiedlicher Grundstoffbasis zur Verfügung stehen. Derartige Dichtungen werden allen Anforderungen gerecht, sie sind in der Farbgebung weitestgehend frei, können an den Ecken geschweißt werden (keine Cyan-Acrylat-Kleber), sind recyclingfähig, und bei ihrer Herstellung werden keine chemischen Zusätze (Salzbad, Vulkanisation) benötigt. Unter Beachtung aller Umstände, auch scheinbar unwichtiger Dinge wie bspw. Dichtungen, kann die Ökologiebilanz - und diese wird nach sachlichen Gesichtspunkten und frei von Emotionen erstellt - eines Fensters verbessert werden. Es geht nicht um die Verteidigung eines Fenster-Rahmenwerkstoffes, sondern um die Optimierung der Fenster allgemein, und dazu gehört die Recyclingfähigkeit - und nicht die "Entsorgung" - der stofflich zu verwendenden Grund-/Rohstoffe.

1.3.1. Ökologiebetrachtungen. Was ist PVC?

PVC [vgl. 1.4.3.] basiert stofflich zu 43 % auf Erdöl (Acethylen) und zu 57 % auf dem schier unerschöpflichen Rohstoff Kochsalz - Natriumchlorid (Vinylchlorid). Das PVC wird mit Zuschlagstoffen versehen und modifiziert und so für die Anwendung eingestellt/optimiert.

1.3.2. Ökologiebetrachtungen. Was bedeutet Chlorchemie?

Im Beitrag: "Chlor zieht Kreise" - "Geschlossene Produktionskreisläufe sollen Emissionen reduzieren" [VDI nachrichten Nr. 13, 02.04.1993] wird das Thema umfassend behandelt.

Auf Basis der Jahreszahlen von 1989 gingen in Deutschland ca. 25 % des produzierten Chlors in die PVC-Produktion, weitere 25 % entfielen auf chlorhaltige Chemikalien. Neben der Rolle in Endprodukten ist das reaktive Element als Zwischenstufe bei chemischen Prozessen von noch größerer Wichtigkeit. Fast die Hälfte der gesamten Chlorproduktion wird (für zumeist chlorfreie Produkte/Substanzen) verfahrenstechnisch eingesetzt und macht so einen großen Teil von Synthesen erst möglich. Beispiele für Erzeugnisse, wo Chlor lediglich Hilfestellung für chlorfreie Produkte leistet, sind:

Der Mitautor des in 1993 vom Umweltbundesamt vorgelegten "2. Handbuch zur Chlorchemie" erläuterte: "Wir wollten in dem Buch herausarbeiten, auf welche Stoffe aus der Chlorchemie besonders zu achten ist. Es geht uns darum, sicherzustellen, daß nur saubere Produkte in die Anwendung gelangen."

Die Chlorroute verschlingt große Mengen an Chlor, das am Ende des Prozesses wieder ausgeschleust wird. Nach Bekunden des Mitglieds der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Schutz des Menschen und der Umwelt", dem man Zugang zu umfassenden Informationen und ernsthafte Auseinandersetzung gewiß nicht absprechen kann: "das ist eine Quelle für Unmengen von Salzen". Der Kommissions-Vorsitzende Ernst Schwanholdt: "Sehr gezielt werden wir suchen, wo ein Ausstieg notwendig ist. Vor allem schauen wir uns chlorhaltige Produkte an, die in offene Anwendung kommen, wie Lösemittel oder Pflanzenschutzmittel".

1.3.3. Ökologiebetrachtungen. Werden beim PVC Weichmacher verwendet?

Ja, aber nur bei Weich-PVC-Typen. Fensterprofile weisen keine Weichmacher auf. Obwohl nur der geringste Teil des PVC´s als Weich-PVC verarbeitet wird, soll hier einiges darüber erklärt werden.

Für die Weichmachung von PVC wird im Wesentlichen DOP (Diethylhexylphthalat), auch als DEHP bezeichnet, eingesetzt. Insbesondere, weil mit DOP eingestellte PVC-Typen auch in medizinischen Bereichen eingesetzt wurden/werden, wurden umfangreiche Untersuchungen [Hintergründe und Fakten zur Umweltdiskussion über PVC, Dr.. Bernd Terwisch, Hüls AG, März 1988 und PVC und Umwelt, Dr. Hans-Georg Baumgärtel, Solvay, FI 389-d-D-0,2-1087 und Berichte aus der Anwendungstechnik, Solvay, 494.09.87, Heft 26, September 1987 und Verband Kunststofferzeugende Industrie, vke-Schrift Nr. 3 "Zum Thema Weichmacher", 8/92] durchgeführt; die Ergebnisse lassen sich so zusammenfassen:

Die "Gesellschaft Deutscher Chemiker" sagt in ihrem wissenschaftlichen Bericht als Schlußbeurteilung: "Gesundheitliche Schäden sind bei den gegenwärtig in der Umwelt vorhandenen Konzentrationen nach allen bisherigen Kenntnissen nicht zu erwarten. Im einzelnen seien noch einmal folgende Teilaspekte dargestellt:

Trotz vorstehend geschilderter Bewertungen und der positiven Beurteilung durch das BGA, bemüht sich die Rohstoffindustrie mit Lösungen in Richtung Polymer-Weichmacher und sogenannte "PVC-Copolymere mit innerer Weichmachung", die eine Migration ausschließen.

Weich-PVC mit DOP als Weichmacher für Kinderspielzeug kann als unbedenklich betrachtet werden, obwohl beispielsweise die Herstellung von Beißringen und Schnullern nicht empfohlen wird.

In der Medizin und im pharmakologischen Bereich ist DOP als einziger Weichmacher zur Herstellung von medizinischen Artikeln aus Weich-PVC zugelassen. Im Wesentlichen werden daraus hergestellt: Blutbeutel, Beutel für Infusionslösungen sowie Transfusions- und Dialyseschläuche.

Zur Migration von DOP/DEHP in Blut usw. gibt es umfangreiche Untersuchungen; sie lassen sich wohl am besten durch die Stellungnahme der Bundesregierung im Bundestag am 21.01.1988 zusammenfassen: "DEHP ist der am besten erforschte Weichmacher. Die Anforderungen an Kunststoffe, die im medizinischen Bereich angewandt werden, unterscheiden sich von den Anforderungen an Stoffe, die für den alltäglichen Gebrauch bestimmt sind. ..... Das Kernproblem bei der von Ihnen aufgeworfenen Frage liegt darin, daß Weichmacher nach gegenwärtigem Wissensstand im PVC benötigt werden, um den Schläuchen und auch den Blutbeuteln die notwendige technische Eignung für ihre Anwendung im Gesundheitsbereich zu geben. Damit die Belastung der Patienten mit DEHP vermieden werden kann, bemüht sich die Bundesregierung seit langem, für den Medikalbereich eine Alternative zur PVC/DEHP-Kombination zu erhalten. Das alternative Material muß jedoch mindestens die gleiche Eignung wie der bisherige Kunststoff haben und zu einer geringeren Belastung des Patienten führen."

1.3.4. Ökologiebetrachtungen. Dampfdruckdiffusionswiderstandsfaktor

Bei der Beantwortung dieser Frage muß zuerst auf eine wesentliche Eigenschaft des PVC´s hingewiesen werden. PVC hat im Vergleich zu anderen Kunststoffen einen sehr großen Dampfdruckwiderstandfaktor - PVC weist eine geringe Gas- und Wasserdampfdurchlässigkeit auf.

Insbesondere bei der Verpackung von eiweißhaltigen Lebensmitteln und/oder solchen, die zum Austrocknen neigen (beides trifft auf beispielsweise Fleisch zu), ist PVC nicht mehr wegzudenken. Sofern man beispielsweise derartige Lebensmittel in PE oder andere Polyolefine verpacken würde, könnten diese nicht vor dem Verderben geschützt werden. Das Material ist zwar stabil und transparent; weist aber eine hohe Gasdurchlässigkeit auf. Sauerstoff kann eindringen und somit das eiweißhaltige Lebensmittel verderben.

Selbstverständlich trifft dies umso mehr auf die Verpackung von Blut - Blutbeutel aus Weich-PVC - zu, Blutbeutel [PVC und Umwelt, Schrift der AGPU, 6/93] werden weltweit aus Weich-PVC hergestellt. Das Blut gerinnt nicht an den Beutelwänden, "die Verpackung" bleibt beim Einfrieren der Konserven stabil und selbst beim Schleudervorgang, der das Plasma von den anderen Bestandteilen des Blutes trennt, hält die PVC-Folie und die Verschweißung derselben. Auch bei Infusionen, wenn Nährflüssigkeiten oder Medikamente über einen Schlauch direkt ins Blut des Patienten tropfen, haben sich Beutel aus PVC durchgesetzt. Im Gegensatz zu anderen Materialien fallen sie beim Entleeren in sich zusammen. So entsteht kein Vakuum, das die Infusion ins Stocken brächte. Ein Druckausgleich mit steriler Luft, der bei anderen Gefäßen notwendig ist, wird damit überflüssig.

Soweit einige Betrachtungen zum Weich-PVC. Zur Verdeutlichung ist noch einmal darauf hinzuweisen: Fensterprofile (Hart-PVC) enthalten keine Weichmacher.

Als Zusammenfassung soll folgender Hinweis dienen: Prof. Dr. Gerhard Pastuska, ehem. Direktor und Leiter der damaligen Fachgruppe "Elastomere Kunst- und Anstrichstoffe" in der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) machte in seinem Vortrag bei der Informationstagung des IBK in Berlin am 18.03.1993 deutlich, daß der fertige Stoff PVC weder giftig noch krebserregend sei, was auch belegt werde durch die 1985 nach 50 Nutzungsjahren ausgebaute erste Trinkwasserleitung aus PVC in Berlin. Dieser Zeitraum sei so lang, daß selbst gesundheitliche Spätschäden bekannt geworden sein müßten.

PVC-Profile dünsten nichts aus und bergen keine Gesundheitsrisiken.

1.3.5. Ökologiebetrachtungen. In welchem Maß wird PVC stofflich wiederverwendet?

Verunreinigungen oder Beimischungen stellen beim Einschmelzen von Metall keine große Hürde dar - die Temperaturen lassen alle organischen Verunreinigungen verbrennen. Die Verarbeitungstemperaturen von 100 bis 300 °C für Kunststoffe erfordern jedoch saubere sortenreine Materialien.

Sofern über Recycling gesprochen wird, meinen die meisten Menschen (wie bspw. beim Papier) Downcycling - die Qualität des aus dem wiederaufgearbeiteten Material hergestellten Produkts liegt unter der des Ausgangsprodukts. Die Kunststoffenster-Hersteller haben sich höhere Ziele gesetzt und erreicht.

Die Kunststoffenster-Systemgeber haben Recycling-Konzepte erstellt und die Wiederverwendung des aus Fensterprofilen stammenden PVC´s in Fensterprofilen zugesichert. Darüberhinaus haben Untersuchungen bestätigt, daß die mechanische Festigkeit bei PVC-Fensterprofilen mit großem Recyclat-Anteil durch das Recycling höher wird, als bei Fenstern aus Neuware. Bei jeder Extrusion nimmt der Geliergrad zu, die Homogenität der Schmelze wird gesteigert. Der Fachmann mit historischem Wissen erinnert sich, daß ein großer Teil der PVC-Fensterprofile Ende der sechziger Jahre mit diesem Argument aus Granulat hergestellt wurde.

1.3.6. Ökologiebetrachtungen. Methoden der stofflichen Wiederverwendung.

Als Alternative zum werkstofflichen Recycling (Wiederverarbeitung des aufbereiteten Mahlguts) wurde die stoffliche Aufbereitung entwickelt. So hat bspw. die BASF ihre Bereitschaft dokumentiert [12], ab 1996 jährlich 300 000 t Altpolymere stofflich zu verwerten. In der im Bau befindlichen Anlage wird der vermischte und verschmutzte Kunststoffmüll in wiedereinsetzbare petrochemische Rohstoffe umgewandelt. Als Destillate entstehen Naphta, Olefine und Aromate. Qualitätsverluste sind bei dieser Art der stofflichen Verwertung ausgeschlossen.

Die erste kommerzielle Anlage zur rohstofflichen Verwertung von vermischtem Kunststoffmüll wurde am 12. April 1994 von Bundesumweltminister Klaus Töpfer in Betrieb gesetzt. Es handelt sich um die industrielle Altkunststoff-Hydrierung [13] in der vormaligen Kohleölanlage Bottrop. Die Kunststoffverwertungskosten von rund 800 DM/t sollen auf die Hälfte reduziert werden. Die Kosten für die von der BASF für Mitte 1996 geplante Anlage liegen demgegenüber bei einer kalkulierten Zuzahlung von 350 DM/t.

Die vorstehenden "Ökologiebetrachtungen" sollen einen Eindruck vermitteln und zur Versachlichung der bisher überwiegend emotional geführten Diskussion beitragen und in keinem Fall zu einer Beruhigung führen. Der Fensterkunde soll unabhängig vom verwendeten Rahmenwerkstoff Aufklärung über die Verfahrensweisen des Anbieters verlangen. Insbesondere im Renovierungsbereich sollte er seiner ökologischen Verantwortung gerecht werden und bspw. Nachweis über die Behandlung der zu demontierenden Fenster fordern usw.

1.3.7. Ökologiebetrachtungen. Wer sind die Bedenkensträger?

Zu diesem Thema schreibt im "Offenburger Tageblatt" vom 25.09.1995 Klaus Kresse einen lesenswerten Artikel. Er setzt sich nachdenklich mit Greenpeace im Zusammenhang mit den Vorkommnissen bei den "Aktionen" zur Ölplattform Brent Spar und Shell auseinander.

Wer kontrolliert Kontrolleure? Im Schloßhotel "Waldlust" zu Freudenstadt liegt der Speisekarte ein interessantes, rotgerändertes Einzelblatt bei. Darauf werden die geehrten Gäste "ganz, ganz herzlich um wohlwollendes Verständnis" gebeten. Das ist auch vonnöten, denn die feine Herberge hat alle Produkte französischer Herkunft mit einem - wie es heißt - hauseigenen Zoll von jeweils fünf Deutschmark belegt. Hiermit, so die Erklärung, demonstrierten Hotelleitung und Belegschaft geschlossen, "daß sie gegen die französischen Atomversuche sind".

Natürlich wollte man sich an dem "hauseigenen Zoll" nicht bereichern, versichert das Hotel-Management. Vielmehr würden die Gelder für "Umweltaktionen, insbesondere Greenpeace, zur Verfügung gestellt. Und keineswegs wolle man die Hersteller der französischen Produkte damit treffen. Das hört sich gut und edel an. Nur - ist es das auch?

Ich will hier nicht die wahren und vermeintlichen Verdienste von Greenpeace abwägen. Die Umweltschutzorganisation hat große Verdienste und sie sollen nicht geschmälert werden. Sicher ist es auch richtig, wenn Organisationen wie Greenpeace die Menschen im allgemeinen sowie Staaten und Unternehmen im besonderen der Umwelt zuliebe kontrollieren. Nur: Wer, bitte, kontrolliert die Kontrolleure?

Keine Idealisten - Die Antwort ist ganz einfach; niemand! Greenpeace Deutschland e.V., um nur ein Beispiel zu nennen, ist vielmehr als ein Verein von Idealisten. Er ist selbst ein Unternehmen mit einer Jahresbilanz von mehr als 83 Millionen Mark (Stand Dezember 1994). Und deshalb wird er, wie Geschäftsführer Thilo Bode vor einem Jahr formulierte, auch geführt wie ein Unternehmen.

Was wir daraus lernen? Greenpeace ist nicht allein eine Zusammenballung von Idealismus in Reinkultur. Greenpeace ist ein Konzern - mit Kommerz und mit Fehlern. Vor allem ist Greenpeace wasserdicht abgeschottet. Der eingetragene Verein hatte 1994 genau 30 eingetragene Mitglieder. Das fördert die Schlagkraft und schützt vor ungewollten Einflüssen von außen.

Schlagkräftig, das muß man ihnen lassen, sind die Greenpeace-Leute. Und das hat ihnen über die Jahre zu beindruckender Mach verholfen. Die nutzen sie konsequent. Etwa so wie im Fall Shell. Als der Mineralöl-Multi die Ölplattform Brent Spar per Versenken in der Nordsee entsorgen wollte, inszenierte Greenpeace den internationalen Boykott. Shell wurde kalt erwischt, machte in der Hektik PR-Fehler und kippte dann das schon genehmigte Vorhaben.

Allein das kostet den Konzern viel Geld. Teurer noch ist die Frühjahrs-Imagekampagne ("Das wollen wir ändern"), die 30 Millionen Mark teuer und zunächst ausgesprochen erfolgreich war, dann aber wegen des Brent-Spar-Debakels genau das Gegenteil bewirkte. Shell polierte sein Image nicht auf, sondern setzte seine ganze Reputation in den Sand.

Anfang September dann die kleinlaute Greenpeace-Erklärung: Man habe die Umweltbelastung überschätzt und entschuldigte sich für den Protest. das erschien in den Zeitungen nur noch unter ferner liefen. Die Anti-Shell-Kampagne dagegen hatte wochenlang die Titelseiten gefüllt. Nochmal die Frage: Wer kontrolliert die Kontrolleure? Und nochmals die Antwort: niemand. Schade!


Weiter mit einem aktuellen Fachbeitrag aus 4/97:

Umweltfreundliche PVC-Fenster?

Von H. Udo Reichstadt, ö.b.v. Sachverständiger

Das technische Wissen um PVC-Fenster ist in den letzten Jahren bei Planern, Verarbeitern, Ausbildenden und in den Ausbildungsstätten gewachsen. Durch die teilweise stark emotional geführte Diskussion über PVC - bspw. Forderung nach Ausstieg aus der Chlorchemie durch Greenpeace - ist bei einigen öffentlichen Ausschreibern eine Abkehr vom PVC eingeleitet worden. Nun kann man verstehen, wenn sogenannte Mandatsträger dem vermeintlichen Wählerwillen nachgeben und die "laut vorgetragenen Argumente einiger Popularisten" von einem Teil der Presse - good news are bad news - aufgegriffen werden. Natürlich ist es mühsam, sich mit dem Thema ernsthaft und unter Berücksichtigung aller bekannten Umstände auseinanderzusetzen. Bekannterweise ist Angst ein schwer beherrschbarer Streßzustand, für den man menschliches Verständnis haben muß. Dies kann aber nicht dazu führen, daß man den oberflächlichen Argumenten derjenigen folgt, die sich nicht der Mühe einer umfassenden ernsthaften Betrachtung unterziehen wollen.

Die von der Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt durchgeführten Untersuchungen und veröffentlichten Ökologiebilanzen sagen (bei Beachtung der unterschiedlichen Rahmenwerkstoffe) in bezug auf das PVC-Fenster, daß es eine bessere Ökologiebilanz aufweist als die anderen bekannten Rahmenwerkstoffe, wenn eine Recyclingrate von 70 % erreicht wird - "das PVC-Fenster würde dann sogar gegenüber den Vollholzfenstern günstigere Werte aufweisen". Darauf hat der größte Teil der Hersteller positiv reagiert, ist Rücknahmeverpflichtungen (mit entsprechenden Rückstellungen) eingegangen, es wurden Recycling-Verfahren für die stoffliche Wiederverwendung (Koextrusion u.dgl.) erarbeitet, Anlagen errichtet usw. Die mittlerweile eingeleiteten Bemühungen bestätigen die wirtschaftliche Machbarkeit; erfordern jedoch noch erhebliche Anstrengungen und erhebliches Umdenken in vielen Bereichen der Verarbeitung und Anwendung. Die stoffliche Wiederverwendung von PVC muß verstärkt werden, bei Aluminium ist dies eine Selbstverständlichkeit. Kein ernsthafter Mensch wird - wie vor einigen Jahren diskutiert - Aluminium thermisch nutzen wollen, auch wenn die Energieausbeute eine Betrachtung lohnend erscheinen ließe.

Dem Verfasser liegt es fern, eine ihm vermeintlich bekannte Wahrheit als solche - oder gar als absolute Wahrheit - verkaufen zu wollen. Andererseits beschäftigt er sich auch im Zusammenhang mit gutachterlicher und beratender Tätigkeit immer wieder mit der Bewertung, welches Fenster - und damit welches Rahmenmaterial - für das infragestehende Objekt die gestellten Anforderungen optimal erfüllen kann. Insbesondere unter Wirtschaftlichkeitsgesichtspunkten ist das Kunststofffenster oft die sich anbietende Lösung, auch wenn ein regionales PVC-Verbot dagegensteht. Vielleicht muß man den Gegnern des PVC-Fensters klar machen, daß sie eine Verpflichtung zum gewissenhaften Umgang mit den ggf. einmal zu entsorgenden Rahmenmaterialien haben. Aber auch in diesem Punkt trifft man eher auf Unwissenheit und oberflächliches Handeln. Welcher Fensterhersteller hat jemals in einer öffentlichen Ausschreibung einer Stadt mit "umweltfreundlichem Stadtrat" einen Hinweis dafür gefunden, daß die Materialien der auszuwechselnden Fenster in einer bestimmten Weise entsorgt werden müssen? Bei gewissenhafter Betrachtung dürften bspw. alte Holzfenster mit den daran haftenden Stoffen nur in Verbrennungsanlagen mit kontrollierter Temperaturführung und entsprechenden nachgeschalteten Anlagen entsorgt werden. In solchen Anlagen wird bspw. auch PVC (mit sehr hohem Energieanteil, bedingt gewünscht) thermisch verwertet und das dabei gewonnene Salz (das von Greenpeace verteufelte Produkt der Chlorchemie) für die Wiederverwendung zurückgewonnen. Die lautesten Wortführer sind zumeist nicht die mit der größten Sachkompetenz.

Bei der Frage nach der für die infragestehende Anwendung zu wählende Fensterlösung sollte eine Versachlichung eintreten. Die Hersteller von PVC-Fenstern - wie bei allen Fenstern bzw. Rahmenmaterialien - sollten auch bei der Materialwahl für das Zubehör die Recyclingmöglichkeiten beachten. So sind Verstärkungen, Beschlagteile, Zubehör usw. aus Stahl leichter mit Magnetabscheidern auszusortieren als bspw. Aluminium. Ebenso erscheint es unsinnig, wenn immer noch Dichtungen aus APTK/ EPDM (Elastomeren) gefordert werden, obwohl technisch hochwertige TPE (thermoplastische Elastomere) von verschiedenen Rohstoffherstellern auf unterschiedlicher Grundstoffbasis zur Verfügung stehen. Derartige Dichtungen werden allen Anforderungen gerecht. Sie sind in der Farbgebung weitestgehend frei, können an den Ecken geschweißt werden (keine Cyan-Acrylat-Kleber), sind recyclingfähig, und bei ihrer Herstellung werden keine chemischen Zusätze (Salzbad, Vulkanisation) benötigt. Unter Beachtung aller Umstände, auch scheinbar unwichtiger Dinge wie bspw. Dichtungen, kann die Ökologiebilanz - und diese wird nach sachlichen Gesichtspunkten und frei von Emotionen erstellt - eines Fensters verbessert werden.

Eine wesentliches Element bei der Ermittlung der Ökologiebilanz ist der für den Fensterrahmen anzusetzende Transmissionswärmeverlust bzw. der Rahmen-k-Wert. Heue übliche Holz- und Kunststoffenster-Rahmen können mit ca. 1,5 W/m2 K angesetzt werden; gemäß DIN 4108, Rahmenmaterialgruppe 1 ist als Maximalwert zulässig 2,0 W/m2 K. Durch Optimierung des Rahmen-k-Wertes kann die Ökologbilanz des Fensters entscheidend verbessert werden. Ein Kunststoffenster-Rahmenprofil mit eingearbeiteten Reflexionsschichten kann k-Werte von unter 1,0 W/m2 K erreichen; wie gute Wärmeschutzgläser. Der Rahmenanteil beträgt ca. 25 %. Es bleibt zu beobachten, wie der Markt solche Lösungen aufnimmt, auch und obwohl die Ökobilanz besser ist. Insgesamt geht es nicht um die Verteidigung eines Fenster-Rahmenwerkstoffes, sondern um die Optimierung der Fenster allgemein, und dazu gehört die Recyclingfähigkeit - und nicht die "Entsorgung" - der stofflich zu verwendenden Grund-/Rohstoffe, eine objektive Bewertung aller und verantwortlicher Umgang mit allen Materialien.

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